@ Fromm1: Gratuliere, lieber Kollege – Du triffst den Nagel
auf den Kopf!
Wir beklagen eine dramatische Passivität der Lehrerschaft
in bildungspolitischen Fragen, die bis zur völligen Absenz
reicht. Bedeutende aktuelle Themen, wie HarmoS, Lehrplan21 oder
die Frühfremdsprachenproblematik werden zunehmend durch Interessengruppen
aus der Wirtschaft, der Parteipolitik oder eben der Bildungsverwaltung
besetzt. Die Lehrpersonen stehen allzu oft abseits. Der LCH nimmt sich zwar ebenfalls der Themen an, macht aber seine eigene Politik und beruft sich dann (vereinsrechtlich wohl korrekt) auf die Unterstützung durch die Lehrerschaft.
Das war nicht immer so. Ich erinnere mich an eine selbstbewusste
Lehrerschaft bis in die 1990er Jahre. In den Schulhäusern herrschte
eine lebendige und offene Debatte. Es gab keine Verunsicherung durch
Ängstlichkeit. Meist wurden mutige Leute mit Sachkenntnis in
die Vorstände gewählt. Entsprechend erfolgreich waren
manche Vorstösse. Im Unterschied zu heute, hatte damals ein
Grossteil der Lehrer ein ausgeprägtes bildungspolitisches Bewusstsein.
(Meine Beobachtungen reichen bis 1967 zurück)
Zu einer ganzheitlichen Berufsauffassung gehört der 360 Grad
Panoramablick in die Schullandschaft: Informiere ich mich vielseitig
oder vertraue ich dem Mainstream in der Bildungspolitik? Traue ich
mir zu, die Bedeutung von Reformvorhaben schon im Projektstadium
hinreichend einzuschätzen? Bin ich gewillt, konsequent und
beharrlich, Zeit und Energie für Überzeugungsarbeit im
Kollegium aufzuwenden? Bin ich mir der Tatsache bewusst, dass beinahe
jede bildungpolitische Neuerung mein „Kerngeschäft“
in beträchtlicher Weise verändert – ob es mir passt
oder nicht?
Modulare Ausbildung ersetzt weder Wertmassstäbe noch fördert
sie die Ganzheitlichkeit. Die abhanden gekommene Werteorientierung
in der Gesellschaft und die Scheu vor einer wertebezogenen Unterstützung
der Persönlichkeitsbildung an den PHs sind für mich wesentliche
Ursachen für den verbreiteten Egoismus in den heutigen Kollegien.
Mein Hausarzt sagte mir kürzlich: „Wissen Sie, wir Ärzte
sind Individualisten, es herrscht wenig Solidarität in standespolitischen
Angelegenheiten“. Doch, wie man sieht, konnten sich Ärztinnen
und Ärzte immerhin auf gemeinsame Aktionen einigen. Medienwirksam
und volksnah: BR Couchepin wird keine Freude haben!